Die Diskussion um die Aussagekraft der Öffnungsrate ist nicht neu, gewinnt aber durch aktuelle technische Anpassungen bei Google massiv an Schärfe.
Beth O’Malley hat kürzlich auf LinkedIn auf eine Änderung im Rendering-Verhalten von Gmail hingewiesen, die das Tracking von E‑Mails weiter verfälscht: das Image Prefetching.
Gmail beginnt damit, Bilder – und damit auch die darin enthaltenen Tracking-Pixel – automatisch zu laden, noch bevor ein Nutzer die Nachricht aktiv anklickt. Dies geschieht immer dann, wenn ein Empfänger Gmail im Web oder mobil geöffnet hat und eine Nachricht genau in diesem Moment eingeht.
Der technische Hintergrund der Phantom-Öffnungen
Im Gegensatz zur Apple Mail Privacy Protection (MPP), das Bilder standardmäßig serverseitig lädt, triggert Gmail das Prefetching nur bei aktiven Sitzungen. Dennoch führt dies zu einer messbaren Inflation der Daten.
Beth zufolge machen diese ‚Fake Opens‘ etwa 1 bis 6 Prozent aller Gmail-Öffnungen aus – im Vergleich zu den von MPP verfälschten Öffnungen ist der Anteil also überschaubar.
Wir haben es hier mit zwei unterschiedlichen Typen von Aufrufen zu tun: Dem Prefetch-Event, das rein technisch durch die Gmail-Infrastruktur ausgelöst wird, und dem klassischen Google Image Cache Open, der erst beim tatsächlichen Öffnen durch den Nutzer stattfindet.
Identifikation und Abgrenzung
Das Prefetching hinterlässt einen eindeutigen technischen Fingerabdruck. Die Anfragen stammen von Google-eigenen IP-Adressen, nutzen einen spezifischen User-Agent und erfolgen unmittelbar nach der Zustellung – oft innerhalb von Sekundenbruchteilen.
Wer seine Daten sauber halten will, muss diese Events auf Ebene der Rohdaten filtern. Für das operative Campaign Management bedeutet das: Die Öffnungsrate wird zunehmend zu einer rein indikativen Metrik, die bestenfalls noch für grobe A/B‑Tests der Betreffzeile taugt, aber nicht für die primäre Erfolgsmessung einer CRM-Strategie herangezogen werden sollte.
Call to Action
Überprüft eure Reporting-Logik und passt eure Strategie an diese drei Impulse an – insbesondere vor dem Hintergrund von Apple Mail Privacy Protection, da der Anteil der fehlerhaften Gmail-Öffnungen – wie oben beschrieben – überschaubar bleiben dürfte.
- Validiert eure Inaktiven-Logik: Wenn ihr Reaktivierungskampagnen oder List-Cleaning-Prozesse rein an die letzte Öffnung koppelt, behaltet ihr fälschlicherweise “tote” Profile in der Liste, die nur durch Prefetching als aktiv gewertet werden. Setzt stattdessen auf Klicks oder (noch besser) auf transaktionale Signale.
- Filtert Prefetch-Events: Sofern ihr Zugriff auf die User-Agent-Daten eurer Tracking-Events habt, solltet ihr Prefetch-Aufrufe identifizieren und aus dem Performance-Reporting für Gmail-Adressen ausschließen.
- Priorisiert Downstream-Metriken: Nutzt Klicks, Conversion Rates und vor allem den E‑Mail-induzierten Umsatz sowie den Customer Lifetime Value (CLV) als primäre Erfolgsfaktoren. Eine Öffnung ohne Klick hat im aktuellen technischen Umfeld nur noch eine geringe Aussagekraft.